Lustspielhaus
münchner LACH+SCHIESS gesellschaft EULENSPIEGEL CONCERTS VEREINSHEIM Die Anstalt
Etta Scollo

Cuoresenza

CUORESENZA - Herzohne
Eines Morgens wacht ein Herz auf. Und das Herz spürt, dass der Körper, der es bis jetzt umhüllte, geschützt und gehalten hatte, verschwunden ist. Darauf entscheidet sich das Herz, auf die Suche zu gehen nach ihm. So fängt sie an, die seltsame Reise dieses Herzens - ohne Körper.
Zuerst kehrt es in die Vergangenheit zurück und sucht in den Mäandern der Kindheit. Es taucht die Erinnerung an den Vater auf, der beim Rasieren von einer launenhaften Frau sang: La donna riccia von Domenico Modugno. Dann findet es sich in den Sechzigen Jahren wieder. Es ist Sommer, im Hof, von einem Balkon herab erklingen die Töne von Se telefonando, der neue Erfolg von Mina, so provokativ und unverschämt für damals! Unwillkürlich, auf seiner Reise in die Vergangenheit, findet das Herz die ersten Gitarreakkorde wieder, die es einst gelernt hatte: Canzone d’amore, das sehnsüchtige Lied von Fabrizio De Andrè und Sopra i vetri, mit der Ironie der Anfänge von Enzo Jannacci. Und da ist das Herz plötzlich: ein Mädchen, inmitten der Plätze der Siebziger Jahre, die die engagierte Musik der Liedermacher singen, die schwierige Liebe in Nina ti te ricordi von Gualtiero Bertelli.
Das Herz sucht weiter. Weit weg, jenseits der Grenzen findet es in einem rauchigen Cabaret in Wien das überraschende Lied einer Frau, die ihre gute Erziehung über Bord wirft und ihre Lüste ausleben möchte: Der Nowak von Cissy Kraner. Aber das Herz verweilt nie, nicht bis es versteht, warum sein Körper weg gegangen ist und wohin. Das Herz zieht weiter, nach Norden und begegnet den liebevollen Gefühlen wieder, die es einst gezwungen hatten, sich Franco Battiatos La cura zu eigen „Credo“ zu machen: die Essenz des Liedes, die Battiato mit Leidenschaft und Klarheit beschrieben hatte. Aber das Herzohne konnte nicht ausruhen, es musste weiter. Es musste verstehen, was geschehen war und warum sein Körper es so zappeln lies, wie in Lo Scapolo von Paolo Conte. Immer weiter und weiter reist das Herzohne. Jetzt schaut es sich in der Gegenwart um, denn genau dort versteckt sich seine Essenz: in Dinuovodinuovo, mit den mühelos tiefen Versen der jungen Dichterin Marthia Carozzo und in jenen ironischen und übertriebenen von Stefano Benni in Ti amo. Jetzt setzt sich das Herz hin, an einer Straßenecke. Es sammelt Spuren, Erinnerungen, es hütet sie. Sie klopfen im Einklang mit seinem Pulsschlag und der Asphalt gibt den Rhythmus wieder, wie Musik. Herzohne wird nun zum Lied. Es weiß: um die Ecke, da wartet schon, zwischen Vergangenheit und Zukunft, seine Körper- Essenz, neu geboren.