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Ernst Molden & Der Nino aus Wien

Unser Österreich

Nr. 3 in den Album-Charts in Österreich!

Wir werden, pardon!, ohne das schlimme Wort nicht auskommen hierorts. Das Unsägliche. Das A-Wort. Also erledigen wir die Sache gleich und stellen es ungeniert mitten in den Raum: Austropop.

Noch vor nicht allzulanger Zeit war allein die Erwähnung ein Unding. „Ich mag den Begriff nicht, er klingt wie eine Automarke“ gab Ludwig Hirsch selig zu Protokoll. Wolfgang Ambros grummelte Undefinierbares aus dem Nebenzimmer. Marianne Mendt, mit der „Glock’n, die 24 Stund’n läut’“ eine der Ahnfrauen des Genres, stellte ultimativ klar: „Die Zeit des Austropop ist vorbei“. Quasi das Totenglöckerl.

Und nun soll wieder alles anders sein? Eine Wunderheilung ebenso lästiger wie uralter Kultur-Hämorrhoiden? „Exorcising The Ghosts“ (wie es andere schon versucht haben)? The Return of Austropop? Die Wahrheit, meine Damen und Herren, ist eine viel einfachere, banalere, selbstverständlichere: das Pendel musste wieder einmal zum Ausgangspunkt zurückkehren.

Der Ausgangspunkt war, wenn wir uns recht erinnern, Lust an der deutschen Sprache, am Dialekt, an lokalen und regionalen Beobachtungen, Sprachbildern, Gefühlen und Gegebenheiten. Unser Österreich: eine Verortung. Jenseits jedes nationalpatriotischen Kleingeists. Dass zwischendurch das Pendel scharf in die Gegenrichtung ausschlug, wo junge Wilde den Altvorderen den nackten Hintern zeigten und alles neu, besser, anders machen wollten und freilich auf keinen Fall „Austropop“ – das ist der natürliche Lauf der Dinge. Der ewige Zyklus von Bewegung und Gegenbewegung, von Anziehung und Abstoßung, von Verehrung und Abscheu.

Und man muss kein großer Internet-Rechercheur sein, um draufzukommen, dass Ernst Molden und Nino Mandl – weithin bekannt als Der Nino aus Wien – auch nicht alles leiwand fanden und finden, was unter diesem Stichwort läuft.

Aber manches dann doch.

Die Gebrauchsanleitung zu dieser Platte kommt also ohne Verweis auf Jean Genet aus (und dann auch wieder nicht, weil sie den französischen Existenzialisten doppelbödigerweise zitiert): „Um dem Grauen zu entkommen, muss man sich ganz darin versenken.“

Aber hier handelt es sich, wiewohl um einen konspirativ-kontemplativen Akt, um das Gegenteil einer Versenkung. Einer Versenkung des Austropop. Die Konzentration auf die guten Seiten nämlich, die wesentlichen Namen, die allerbesten Songs. Keinen neuen Kanon oder eine zwingende Liste, sondern, einer Flaschenpost an unbekannte Empfänger gleich, eine strikt subjektive Auswahl.

Der „Tschick“, der „Vorstadtcasanova“ und gleich auch der Eröffnungssong von Danzer (womit schon rein quantitativ eine tiefe Verneigung vor dem Schurl erfolgt), Falcos „Nachtflug“, der „Zwerg“ von Hirsch, zwei Songs des großen Sigi Maron, ein Fundstück von Heller/Qualtinger, natürlich auch der „Liliputaner“ und, ja, – „Wie wird des weitergeh’n?“ – mit „Espresso“ einer der unbekannteren Songs von Wolfgang Ambros, den ihm der noch unbekanntere Hugo Khittl einst nahegelegt hat.

Wenn ich mir die persönliche Anmerkung erlauben darf: stimmiger ist der Ort und die Zeit, in der und an dem all diese Lieder entstanden sind, nie wieder beschrieben worden.

Warum sich die Herren Ernst und Nino nun gerade jene Songs an die Brust genommen haben, das müssen Sie sie schon selbst fragen (man darf die eine oder andere Antwort vornehmlich bei Live-Darbietungen erwarten).

Eine gewisse Expertise und ein vernehmbares Werken und Wirken im Sinn der Altvorderen wird man diesem Duo nicht absprechen können. Und dass da draußen plötzlich einiges irgendwie nach neuem Austropop tönt, daran sind die beiden auch nicht ganz unschuldig.

Ob damit das A-Wort – zumindest in seinen vornehmsten Facetten – endgültig rehabilitiert ist, müssen die Kritiker, Musikhistoriker und Feuilleton-Feinspitze entscheiden. Oder vielleicht doch eher das Publikum? Denn jenseits jeglicher intellektueller Debatte gilt: eine Erinnerung ist manchmal für die Ewigkeit. Und ein wunderbares Lied ist ein wunderbares Lied ist ein wunderbares Lied.

(Walter Gröbchen)