Lustspielhaus
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Matthias Deutschmann

Staatstheater - Ein Stück aus dem Tollhaus

Matthias Deutschmann zählt zu den besten Kabarettisten, die derzeit auf deutschen Bühnen zu sehen sind. Seinem politischen Spürsinn entgeht nichts. Ein Meister der feinsinnigen Pointe, aber auch ein Komödiant mit Sinn für die Kunst des schwarzen Humors. Mit seinem 11. Solo-Programm steuert er auf sein 25-jähriges Bühnenjubiläum zu. Er verzichtet auf das branchenübliche „Jubiläums-Best-Of“ und stürzt sich ins politische Hick-Hack um den deutschen Weg in die Zukunft. Sein Programm Staatstheater vereint deutsche Tragödie und deutsche Komödie zu einem Stück aus dem Tollhaus.

„Bei Deutschmann atmet das Politisch-Gesellschaftliche noch aus jeder Pore, hier hat Kabarett noch mit Politik zu tun, Politik mit Geschichte und Geschichte mit Reflexion. Und das alles mit sauberer Recherche ... das ist satirische Wertarbeit, jedes Programm ein Höhepunkt politischen Kabaretts. Ihm unterläuft kein Diener vor dem Comedy-Unwesen.“ (SZ)

TZ Kultur, 29. Oktober 2004
Eine Posse im Tollhaus Deutschland
Überm „Staatstheater“ kreist der Pleitegeier. Doch es wird weitergespielt im Tollhaus Deutschland: Komödie im Bundestag, Tragödie beim Volk – oder nur Provinz-Pose? „Intendant“ Matthias Deutschmann gibt die Richtung vor. Und die heißt: von allem etwas und mit der Narrenbritische auf alle druff. Als Hofnarr und „Zwerchfellbeauftragter“ hält er uns den Spiegel vor... Mit seinem elften Solo-Programm gehört Kabarettist Deutschmann mittlerweile zur alten Garde der Polit-Satiriker. Beiläufig springt er von Hölzchen zu Stöckchen, tippt eine breite Themenpalette an zwischen Bahn-Dekakel und Methusalem-Komplott, Hartz IV – „Zusammenlegung von Rente und Sterbegeld“ – und Bunkernutzung in Berlin („Eva Braun Bar“). Jeder zweite Satz eine elegant formulierte Pointe, jeder dritte ein trockenes Apercu zur Lage der Nation, jeder vierte ein ironische Statement. Dazwischen viele Kunstpausen oder deutsches Liedgut auf dem Cello. Doch so anspruchsvoll der vergrübelte Deutschmann auch ist – auf Dauer ermüdet der Strom seiner intellektuellen Notate, die dramaturgisch monoton, ohne Höhepunkt oder Steigerung, wie eine unendliche Geschichte vorbeirauschen.
B. Welter

SZ-Extra Theater/Kabarett/Klassik, 21. bis 27. Oktober 2004
Berserker der Geistesblitze
Matthias Deutschmann macht in München „Staatstheater“
Ein Tag im Juli 2006. Deutschland hat bei der Fußball-WM überraschend das Finale erreicht. Wird der Kanzler nach dem Spiel wieder sagen: „Wir sind nicht schlechter, mein, die anderen sind besser geworden?“ Oder werden wir Weltmeister und der Aufschwung kommt? Matthias Deutschmann, einer der letzten wirklich Guten des aussterbenden politischen Kabaretts, nutz einen Fußball freien Tag vor dem großen freien Finale, um über die Marke Deutschland nachzudenken. Eigentlich steuert der „Partisan des Geistes“ wie ihn Hannes Dieter Hüsch einmal nannte, ja auf sein 25jähriges Bühnenjubiläum zu. Doch statt des branchenüblichen Jubiläums-Best-Of stürzt er sich in seinem neuen Streich „Staatstheater“ – Ein Stück aus dem Tollhaus“, am Dienstag, 26. Oktober, im Lustspielhaus ins politische Hick-Hack um den deutschen Weg in die Zukunft. Klar kriegen die üblichen Verdächtigen auch ihr Fett weg, aber der Satiriker ist kein Möchtegern-Feingeist, der dünne Witzchen mit sicherem Griff daneben setzt. Er jongliert und ätzt mit offenen und verpacken Pointen, und schubst uns durch Querverbindungen, die mancher längst aus den Augen verloren hat. Und wenn da einer glaubt, jetzt wird’s Zeit für ein Erhohlungspäuschen, der irrt. Denn dann greift der Kerl zum Cello.
Ariane Witzig

Süddeutsche Zeitung Münchner Kultur, 28. Oktober 2004
Matthias Deutschmann
Etwas Spitz
Narrenkappe oder Königskrone? Nach 25 Jahren auf der Kabarettbühne fällt die Wahl schwer. Hinten hängt ein großes Narrenportrait, davor steht der Cellokoffer, mit Goldkrone drauf. Matthias Deutschmann lädt ins „Staatstheater“ und gibt die Losung aus: „Wir müssen uns fragen: Was wird gegeben?“ – Und was müssen wir uns selber nehmen?“ Es geht, natürlich, um Deutschland. Deutschland, die Kulturnation; Deutschland, das Reich der Mittelmäßigkeit; Deutschland, das Tollhaus. Gnadenlose Gedanken zu Lage der Nation, feinsinnige Spitzen ins Mark des „Bundeswahns“. Souverän, fast routiniert, sprudeln im Lustspielhaus die Assoziationen und Pointen aus Deutschmann, verbinden sich, wenn auch ohne roten Faden, so doch zu einem bunt gescheckten Teppich. Mit Maut-Schock und Rechtschreibreform, Fußball-WM und Opelkrise, Hartz IV, V und VI, Bundeswehr und Bundespräsident, Jojo-Joschka, Schily, Hitler. Und immer wieder die Frage: „Was ist los in diesem Land?“ Deutschmanns Humor ist zynisch, aber versöhnlich; süffisant und selbstironisch; manchmal derb, meistens bedacht. Und im besten Sinne des Wortes witzig: geistreich. Hier macht noch jemand politisches Kabarett jenseits von Bildschlagzeilen und Comedyquatsch; lieber zitiert Deutschmann Schiller und spielt Cello. Raunt und raunzt dazu, grummelt und grient. Ein Narr am Hofe, seit 25 Jahren. Ein König der Narren. Also: Krone! Und darunter die Kappe.
Vasco Boenisch

Münchner Merkur Kultur, 29. Oktober 2004
Eine Tragödie
Matthias Deutschmann im Lustspielhaus
Die Regierung hat nicht zu lachen, die Opposition auch nicht. Gut, dass sich da keiner als Hofnarr zur Verfügung stellt, um, wenn schon nicht die Politiker, so doch wenigstens das Volk aufmuntern. Matthias Deutschmann hat diese Aufgabe übernommen, und er will sich, so scheint’s , nicht mit kleinen Szenen begnügen, sondern ein ganz großes Opus spielen. „Staatstheater – Ein Stück aus dem Tollhaus“ steht nun auch auf dem Programm des Münchner Lustspielhauses, es ist aber, der Tradition des Politkabaretts gemäß, doch „nur“ eine Abfolge von Episoden geworden. Zum Glück. Denn – dem Spiel mit den Begriffen rund um die Bühne zum Trotz – mit wechselnden Personen und Schauplätzen lässt sich der Zustand des Landes doch am besten beschreiben. Und weil der Narr zur Schwermut neigt, fällt ihm zuerst (samt einer kurzen, sanft geschnarrten „Führer“-Parodie) „Der Untergang“ ein, und von diesem viel sagenden Titel kommt er bis zum Ende nicht mehr weg. Ob es sich nun um die Roten oder die Schwarzen handelt – Deutschmann sieht in ihnen dem Tod geweihte Organisationen. Gerhard Schröder? „ Der Schauspieler, der seine Rolle nicht mehr los wird.“ Die CDU? „Dankt Gott auf Knien, dass sie nicht regieren muss.“ Hoffen lässt den traurigverschmitzten Spaßmacher allein der Fußball. Die (gewonnene) WM 2006 im eigenen Land als erlösender Ruck, , denn schließlich hat ein ähnliches Ereignis ja einst zur eigentlichen Gründung der BDR geführt – 1954. Deutschland ist Deutschmanns Kummer, und obwohl man die Inszenierung kennt, muss man lachen: „Die Mauer ist eine tragende Wand, die durfte man nicht einfach rausreißen.“ Der „Zwerchfellbeauftragte“ im Staatsdienst gibt sich grüblerisch, ohne das ihm dies zur eitlen Pose gerät. Tut, als falle ihm vieles gerade erst ein. Vor sich hingesagt und für gut befunden. Und greift von Zeit zu Zeit zum Cello, auch nicht gerade ein Instrument, mit dem man eine Party aufspielt. Eine Tragödie also, und doch fühlt man sich bestens unterhalten. Das ist die Kunst.
Rudolf Ogiermann