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Ursus und Nadeschkin

Weltrekord

«Weltrekord» - Ursus & Nadeschkin setzen neue Massstäbe.
Das neue, sechste Programm des erfolgreichsten Schweizer Bühnenpaares, Ursus & Nadeschkin, feierte seine Zürcher Premiere.
M. D. Nichts mehr würde uns überraschen können, nada. Glaubten wir zu Beginn des Abends. Wir hatten genug gesehen von Urs Wehrli alias Ursus, genug gelacht mit Nadja Sieger alias Nadeschkin. Seit 18 Jahren kennen wir jeden Salto Mortadella und ihren Doppelaxel à fond, kennen Nadeschkins Rastafari-Allüren und Ursus' Buchhalter-Temperament. Wir waren dabei, als sie sich 1999 trennten und ihr doppeltes Solo uns als doppeltes Drama erschien. Wir sind an ihrer Seite erwachsen geworden: Nichts mehr kann uns überraschen, rien de rien.
Und das wäre alles gewesen? Und hier soll Schluss sein - die Vita des prototypischen Bühnenpaares ausgeschrieben, ausgeschöpft? Ursus & Nadeschkin wären nicht, was sie sind - in jedem Moment unerwartet -, wenn sie es nach ihrem selbsttherapeutischen Trennungsprogramm gut sein lassen könnten. Es war in der Szene ein offenes Geheimnis, dass man - wie seit fast immer mit dem Regisseur Tom Ryser - dereinst ein nächstes Kapitel in der U&N-Saga aufschlagen wollte. Seit 2004 sprach man laut darüber, Ende Januar fand im Basler Schauspielhaus die Welturaufführung von «Weltrekord» statt, und gestern feierte man in Winterthur die Zürcher Premiere. Dass Nadeschkin dabei das Theater in Brand stecken wollte, hat Ursus nur in einem Sinn verhindert; im Zuschauerraum sitzend, fiel die Beurteilung anders aus: Es hat tatsächlich gebrannt!
Und was fing Feuer? Unser Kind im Bürger, unser Spieltrieb im Triebtäter Konsument. Auf dem Höhepunkt des Abends (der hier natürlich unter keinen Umständen verraten wird) waren wir es selbst, das Publikum, das dem Programmtitel recht geben sollte. Denn was manch einer, was manch eine als Kind zum letzten Mal getan hat - hier sahen wir uns dabei zu, wie wir es taten: Es! Vierhundertfach! Ursus & Nadeschkin hatten uns in einen Zustand versetzt, in eine Situation gebracht, in der wir nicht mehr wir waren und die Unbekannten nebenan unsere besten Freunde.
Keine Spur deutlicher und kein Wort klarer soll hier über einen Abend gesprochen werden, der sich wie erwähnt «Weltrekord» nennt. Zum Erfolgsgeheimnis (jenseits seiner Überraschungs- Dramaturgie und seines philosophischen Hintersinns) nur so viel: Ursus & Nadeschkin stellen die Fragen ihrer Generation, ihres Publikums: «Was kommt, wenn doch alles schon da ist? Bin ich jetzt der bedeutende Mensch, der ich immer werden wollte? Oder wie werde ich es, wie werde ich wirklich wirklich, besonders, originell?» Für solche alte Fragen suchen die beiden Vollprofis in vollreifer Verfassung neue Antworten; sie erfinden Sportarten («Männerwerfen» z. B.), um einen Rekord aufzustellen; sie kreieren dafür neue Preise und neue Identitäten, kabarettistisch, theatralisch, berührend, gespickt mit der bekannten Detailgenauigkeit und gepökelt mit der bekannten Liebe zur Absurdität. Was, fragen sie etwa, ist der schönste Moment eines Erlebnisses? Ist es vielleicht sein Schluss? Nadeschkin möchte einen Abend aus lauter Schlüssen spielen - sie schafft immerhin 178 Schlusspointen; Ursus, natürlich, findet den Weg zum Ziel wichtiger als das Ziel selbst . . .
So streiten zwei Lebensprinzipien miteinander, abgründig wie nie, ernsthaft komisch und menschlich wahr. «Weltrekord», die Ernte aus 18 Jahren Bühnenleben, meint den Triumph über die Gewohnheit, den Alltag, die Einsamkeit und den Tod. Und es ist eine Aufforderung, uns in jedem Moment überraschen zu lassen - von uns selber. - (Neue Züricher Zeitung - Muscionico D.)